Wie altern wir «gut»?
3. April 2025
Lisa Sommer (Kultur- und Lebensgestaltung) und Esther Gelb (Leiterin Spitex/Pflege Zuhause) vom Alterszentrum Hottingen sprechen über Selbstbestimmung, Begleitung und darüber, was gutes Altern in der Gesundheitswelt Zollikerberg ausmacht. Ein Interview geführt von Sté Haltiner.
Warum wollen wir eigentlich alt werden? Ist es die Lust am Leben oder die Angst vor dem Tod?
Esther Gelb, Leiterin Spitex / Pflege Zuhause:
Ich glaube, solange es uns gut geht, will jeder Mensch alt werden. Es ist mehr die Lust am Leben. Das kann sich ändern, wenn es nicht mehr so gut geht. Solange ich zufrieden und dankbar bin und im Alltag noch etwas Schönes entdecke, spielt das Alter keine Rolle. Es geht nicht um die Jahre, sondern um die Qualität. Solange die stimmt, ist das Altwerden für viele erstrebenswert – weil es eben auch Freude macht.
Lisa Sommer, Kultur- und Lebensgestaltung:
Ja, das sehe ich genauso. Ich begegne hier so vielen Menschen, die wirklich Lust auf das Leben haben. Aber gleichzeitig gibt es auch Ängste – nicht so sehr vor dem Tod, sondern davor, abhängig zu werden, die Selbstbestimmung zu verlieren. Schmerzen, Hilfsbedürftigkeit, nicht mehr selbst entscheiden können – das macht vielen Angst. Es gibt verschiedene, individuelle Gründe, warum Menschen lange leben möchten. Einer davon ist, Zeit mit seinen Liebsten zu verbringen, mit Enkeln oder Urenkeln. Man möchte wissen, wie es weitergeht.
Esther:
Das stimmt. Wenn jemand ein gutes soziales Umfeld hat, dann ist das ein grosser Halt. Das geht auch ohne Familie. Diese Menschen schaffen sich ihr soziales Netz auf andere Weise, durch Freundschaften oder durch ein aktives Leben in der Gemeinschaft. Wer eine Aufgabe hat – sei es, den Blumenschmuck im Gang zu pflegen oder an einer Veranstaltung mitzuhelfen – fühlt sich oft genauso eingebunden.
Was bedeutet für dich gutes Altern?
Esther:
Ich habe viel darüber nachgedacht. Was ich beobachte: Es hat ganz viel mit der inneren Haltung zu tun. Wenn jemand eine gewisse Akzeptanz findet – eine Dankbarkeit für das Leben, auch für die schweren Zeiten –, dann fällt es leichter, alt zu werden.
Viele Menschen, die einen Glauben haben – egal welchen –, können das Älterwerden und den Tod oft besser annehmen. Aber am stärksten beeindruckt mich immer wieder die Dankbarkeit. Wenn jemand mit 100 noch sagen kann: «Ich hatte ein gutes Leben, ich bin zufrieden», dann hat diese Person eine innere Ruhe. Selbst wenn da körperliche Beschwerden sind.
Wenn ich daran denke, 100 Jahre alt zu werden, finde ich das einerseits beeindruckend. Andererseits stelle ich mir vor, dass es auch anstrengend sein kann. Wie erleben das die Bewohnenden?
Esther:
Ganz unterschiedlich. Manche sagen: «Ich bin froh, dass ich noch hier bin, ich geniesse mein Leben.» Aber es gibt auch jene, die sagen: «Es wäre für mich okay zu gehen.» Eine Frau hat mir mal gesagt: «Wenn du mir die Batterie meines Herzschrittmachers rausnehmen könntest...» Diese Ehrlichkeit beeindruckt mich. Viele haben einfach das Gefühl, ihr Leben sei vollständig. Sie hängen nicht krampfhaft an jedem Tag.
Wie geht man in deinen Augen mit dem Tod um? Hilft gutes Altern dabei, auch gut sterben zu können?
Esther:
Seit ich hier arbeite, sehe ich, wie wichtig Selbstbestimmung ist – auch im Sterben. Viele sagen ganz klar: «Ich möchte nicht leiden. Ich möchte nicht abhängig sein.» Manche nehmen dann Sterbebegleitung in Anspruch.
Und dann gibt es diejenigen, die im Reinen mit sich sind. Sie haben Frieden geschlossen – mit ihrem Leben, mit ihren Beziehungen. Diese Menschen sind meistens sehr ruhig auf ihrer letzten Reise.
Was mir auch auffällt: Wer in jungen Jahren eher verdrängt hat, was schwierig war, den holt es oft im Alter ein. Ungeklärte Konflikte, nicht verarbeitete Verluste – all das kann in den letzten Lebensjahren wieder hochkommen. Und das kann das Sterben erschweren.
Leider haben gerade viele Menschen, die heute alt sind, nicht gelernt, über ihre Bedürfnisse oder Probleme zu sprechen. Damals war es oft nicht üblich, Gefühle offen auszudrücken oder belastende Erlebnisse zu verarbeiten. Man hat funktioniert, weitergemacht, sich angepasst. Und dann, im hohen Alter, wenn das Leben ruhiger wird, tauchen diese alten Themen plötzlich wieder auf. Ich erlebe oft, dass Menschen sich dann im Kreis drehen, weil sie nie gelernt haben, schwierige Dinge aktiv zu verarbeiten.
Das kann für die Betroffenen belastend sein – aber auch für das Umfeld. Manchmal sind es unerledigte Konflikte mit Angehörigen, die plötzlich wieder Raum einnehmen. Oder Schuldgefühle, die lange unterdrückt wurden. Wer es schafft, Frieden mit sich und seinem Leben zu schliessen, scheint leichter gehen zu können. Doch wer diese Fähigkeit nicht entwickelt hat, kann sich mit sich selbst und dem Altern schwer tun. In solchen Momenten versuchen wir zu begleiten, zuzuhören und Wege aufzuzeigen, wie man trotz allem Ruhe finden kann.
Wie erlebst du den Tod von Klient:innen?
Esther:
Jeder Tod ist anders. Manche Menschen möchten alleine gehen. Ich habe es oft erlebt, dass Angehörige Tag und Nacht am Bett wachen – und genau in dem Moment, in dem sie kurz rausgehen, stirbt die Person. Vielleicht, weil sie genau diesen Moment für sich braucht.
Es gibt keinen «normalen» Fall, jedes Sterben ist individuell. Palliative Care ist oft aufwändig, aber auch eine wertvolle und dankbare Begleitung – sowohl für die sterbende Person als auch für das Umfeld. Wir erhalten viel Zuspruch von Angehörigen, die froh sind, dass ihr geliebter Mensch in Würde gehen konnte.
Welche Rolle spielt das Sozialnetzwerk – Familie, Gemeinschaft oder soziale Begleitung – für das Wohlbefinden?
Esther:
Eine grosse Rolle. Aber jede Person braucht es anders. Manche Menschen sind glücklich in einer grossen Gemeinschaft, andere brauchen nur ein, zwei enge Vertraute. Wichtig ist, dass man sich zugehörig fühlt, dass man Menschen hat, die einem guttun.
Ich habe aber auch erlebt, dass manche Menschen sagen: «Ich habe alles losgelassen. Ich brauche jetzt niemanden mehr.» Auch das ist eine Haltung, die respektiert werden muss.
Was sind deine Erkenntnisse aus der Arbeit mit sehr alten Menschen?
Lisa:
Für mich steht die Beziehung im Mittelpunkt. Wirklich zuhören, echtes Interesse zeigen, authentisch sein – das spüren die Menschen sofort. Zuhören ohne Ratschläge zu geben, das ist mir wichtig. Die Menschen sind die Expert:innen für ihr eigenes Leben. Sie haben in Ihrem Leben schon so viele Herausforderungen gemeistert und Lösungen gefunden. Ihre Resilienz beeindruckt mich. Manche haben den Krieg erlebt, den Tod eines Kindes überstanden – und trotzdem haben sie einen Weg gefunden, weiterzumachen. Davor habe ich grossen Respekt.
Und sie sind offen! Wenn eine gute Beziehung da ist, erzählen sie persönliche Dinge, probieren Neues aus. Ich habe zum Beispiel vor kurzem das Kegeln mit der PlayStation gezeigt – sofort kam: «Ja, wann machen wir das?» Auch im hohen Alter bleibt man nicht einfach stehen, Weiterentwicklung ist immer möglich. Das finde ich schön.
Sté:
Meine Grossmutter wurde 100. Ich habe sie oft besucht und irgendwann angefangen, mit ihr fast wie mit einem Kind zu sprechen. Jetzt frage ich mich, ob sie deshalb weniger gesagt hat – weil sie merkte, dass ich sie nicht ganz ernst nehme. Passt ihr eure Sprache an?
Lisa:
Ja, aber je nach Person. Bei einem Menschen mit Demenz spricht man in einfachen, kurzen Sätzen. Bei Hörbeeinträchtigungen langsamer und deutlicher.
Esther:
Aber nicht kindlich – das wäre nicht respektvoll.
Sté:
Und wie ist das mit Lob? Also sowas wie «Das hast du gut gemacht»?
Lisa:
Das ist eine Gratwanderung. Wenn du, Esther, mir sagst: «Das hast du gut gemacht», dann ist das wertschätzend und ich freue mich. Es kommt aber sehr auf den Kontext an und wie man es sagt. Übertriebenes Lob kann auch das Gegenteil bewirken. Ich reflektiere immer wieder und passe meine Haltung an. Das ist mir wichtig. Beim Turnen achte ich z.B. darauf die Teilnehmenden zu fordern und damit ernst zu nehmen, aber nicht zu überfordern. Es ist ein Balanceakt.
Wie sieht die Kultur- und Lebensgestaltung in der Praxis aus, und welchen Mehrwert hat sie?
Lisa:
Wir bieten wöchentliche Gruppen wie Gedächtnistraining, Turnen oder regelmässige Aktivitäten wie z.B. Spielnachmittage oder Erzählcafé an – viele kommen regelmässig und schätzen die Gemeinschaft. Daneben gibt es saisonale Aktivitäten wie Ostereiersuchen oder Weihnachtsguezli backen. Auch Einzelbesuche, zum Beispiel in Form von Biografiegesprächen, sind ein wichtiger Teil unserer Arbeit. Dabei erzählt die Person von ihrem Leben, ihren Werten und dem, was ihr wichtig ist. Das schafft gegenseitiges Verständnis und hilft in der letzten Lebensphase, auf die Bedürfnisse einzugehen. Z.B. indem eine Lieblingsmusik gespielt werden kann
Generell geht es darum, aktiv zu bleiben, sich einzubringen und soziale Kontakte zu pflegen. Unsere Angebote fördern nicht nur die körperliche und geistige Gesundheit, sondern auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit – sei es beim Backen, Basteln oder in Gesprächen. Wichtig ist, dass jede Person individuell entscheiden kann, was ihr guttut.
Wenn ein offener Austausch möglich ist – wie im Erzählcafé oder in einer kleineren Runde –, kann das dazu beitragen, dass Menschen sich trauen, über Themen wie den Tod zu sprechen. Ich habe das erlebt und fand es sehr bereichernd. Es hilft allen, wenn man über Themen reden kann, die einen beschäftigen.
Solche Gefässe schaffen eine Atmosphäre, in der sich Menschen wohlfühlen und sich auch gegenüber dem Sterben öffnen können. Und vielleicht noch wichtig: Kulturelle Angebote helfen, das Leben zu gestalten – bis zum Schluss. Ein erfülltes Leben kann vielleicht auch zu einem guten Sterben beitragen.
Inwiefern unterstützen Bewegung und geistige Aktivität das Wohlbefinden der Bewohner:innen?
Lisa:
Bewegung und geistige Aktivität fördern nachweislich das Wohlbefinden. Beim Turnen sehe ich, wie sich Kraft und Selbstständigkeit verbessern. Gedächtnistraining hilft, das Hirn fit zu halten. Doch ebenso wichtig ist der soziale Aspekt: Die Menschen treffen sich regelmässig, tauschen sich aus und es entwickelt sich eine Gemeinschaft. Das wirkt positiv auf der psychischen Ebene und hilft gegen Einsamkeit.
Esther:
Wir haben eine Bewohnerin, die nachts oft Herzattacken hatte. Seit sie regelmässig an den Angeboten teilnimmt, hat sie mehr innere Ruhe gefunden. Für sie ist es lebenswichtig, integriert zu sein. Bewegung hilft nicht nur dem Körper, sondern auch dem Gehirn, etwa durch die Verbindung der Hirnhälften. Ich sehe oft, wie Teilhabe und Aktivität Stabilität und Sicherheit bringen.
Zurzeit leben mehrere Hundertjährige im Alterszentrum Hottingen…
Lisa:
…auf den ersten Blick eine schöne Nachricht. Aber unser Fokus liegt darauf, Menschen in ihrer Selbstbestimmung zu unterstützen – nicht darauf, möglichst hohe Alterszahlen zu erreichen.
Sté:
Hundert wird gesellschaftlich gefeiert. Wie sehen wir das?
Lisa:
Manche Menschen wünschen sich bewusst, so alt zu werden – andere nicht. Unser Ziel ist nicht ein hohes Alter, sondern ein gutes Altern. Es geht um Vielfalt, Teilhabe und einen ganzheitlichen Ansatz.
Esther:
Genau. Wir schaffen die Rahmenbedingungen, damit Menschen in Würde und nach ihren Vorstellungen alt werden können. Wir begleiten die Menschen auf ihrem Weg – und in gewisser Weise begleiten sie auch uns. Es ist ein gegenseitiger Prozess.
Was können jüngere Generationen von älteren Menschen lernen?
Lisa:
Wie wichtig Beziehungen sind. Dass es sich lohnt, sie zu pflegen.
Esther:
Sich Zeit nehmen. Aktiv Zuhören. Menschen ernst nehmen.
Lisa:
Ich erinnere mich noch gut, als ich als Aktivierungstherapeutin angefangen habe. Ich habe mich ständig für alles entschuldigt. Bis eine ältere Frau mich zur Seite genommen hat und sagte: «Sie müssen sich nicht immer für alles entschuldigen.»
Das hat mich berührt. Es war nicht einfach ein Ratschlag, sondern eine Weisheit aus einem langen Leben. Seitdem begleitet mich dieser Satz.
Sté:
Vielen Dank für das Gespräch. Was ich mitnehme: Altwerden beginnt nicht erst im Alter – es beginnt mit der Haltung, wie wir dem Leben begegnen. Dazu passt dieses Zitat von Seneca:
«Wie lange ich lebe, das liegt nicht in meiner Macht. Dass ich aber, solange ich lebe, wirklich lebe, das hängt allein von mir ab.»
Weitere Beiträge
Gesundheitswelt
Josua Boesch: Ikonen-Ausstellung
Vom 24. Februar bis 4. April sind Ikonen von Josua Boesch in der Kirche der Gesundheitswelt Zollikerberg ausgestellt. Die Ikonen können an jedem Tag besichtigt werden.
Gesundheitswelt
Gesundheitswelt Zollikerberg stärkt das Geschäftsfeld «Leben und Wohnen im Alter»
Die Gesundheitswelt Zollikerberg macht einen wichtigen strategischen Schritt und stärkt das Geschäftsfeld «Leben und Wohnen im Alter». Dieser Bereich ist Teil unseres Stiftungszwecks und die Gesundheitswelt Zollikerberg kann auf einen grossen Erfahrungsschatz zurückgreifen.
Gesundheitswelt
Meilenstein erreicht in der Entwicklungsplanung
Seit der Gründung unserer Stiftung Diakoniewerk Neumünster im Jahr 1858 prägen wir mit unserem Spital Zollikerberg, dem Pflegehaus Magnolia, unseren Altersresidenzen sowie unseren zahlreichen Gesundheitsdienstleistungen das regionale Gesundheitsversorgungsystem massgeblich mit.